Kamarilla

Auszug aus dem Tagebuch von Leopold III: “ […] ein steter Strom von Bittstellern schob sich mittlerweile tagtäglich durch den Palast. Gesandte, Fabrikanten und Schranzen wünschten von mir empfangen zu werden oder liefen mir wie zufällig im Schlosspark über den Weg. Selbsternannte Berater überreichten mir en passant Empfehlungsschreiben von z.B. Goethe (natürlich gefälscht) oder meinten, mich forsch in philosophische Diskurse verwickeln zu müssen. Des Nächtens standen dann und wann wenig bekleidete Bauerntöchter überraschend in meinem Schlafgemach, nach außen hin demütig und scheu. Doch war ich die Beute und sie hatten allzu oft Erfolg.
Dazu die Geschenke! Unmengen von Packen und Päckchen kamen jeden Tag für mich an, voller Tand und immer dabei: blumig formulierte Betteleien. Hoffe/gewogen/glücklich schätzen/bedanke im Voraus. Ich war der Weihnachtsmann. Ich war die heilige Abkürzung. Ich war der König und hatte zu liefern.
Das Hofleben wurde mir verleidet. Diese neue französische Mode der Ironie fing an, die Gedanken zu vergiften und die Sprache zu verblöden, mit ihren ewig doppelten Böden. Und seit Jahren lebte hier im Schloss, wie ein krankes Tier, das manische Flüstern. Jedermanns leise Wortfetzen wehten durch die Säle, nicht Gehörtes, vermeintlich Gehörtes, vom Hörensagen Gehörtes. Intrigen wurden daraus gesponnen, Handschuhe wurden geworfen. Das Flüstern war eine Welle, auf der die Günstlinge nach oben gespült oder von der sie rettungslos aufs Meer sogenannter Ex-Promis hinausgezogen wurden. Ich konnte beobachten, wie mehr und mehr Menschen in meiner königlichen Nähe auftauchten, die ich hässlich fand. Geschminkte Männer mit Titeln, die ich ihnen nicht verliehen hatte, und Frauen, die ihre Reize zu offensiv präsentierten und die oft schäbig lachten. Ich mochte den Geruch nicht, wenn sie sich zu mir beugten und etwas flüsterten, das ich nicht verstand. So wurde mir zunehmend alles Offizielle zur Last, die Sitzungen, die Korrespondenz und die Staatsbesuche. Die Leute. Ich wollte allein sein und nicht mehr belästigt werden von der ganzen erbarmungswürdigen Frivolität dieser Zweckwelt.“ (KLIII: Meine Tagebücher. Beckmesser 1979; S.312f)

Aufgabe 1: Erläutern Sie an dem vorliegenden Textausschnitt, wie König Leopold III seine einst absolute Macht an eine gewissenlose Kamarilla verspielt! Gehen Sie dabei auch auf die subtilen Anspielungen bezüglich seiner Sexualität ein.

Aufgabe 2: In der Lyrik der Gruppe Die Prinzen heißt es: „Man muss ein Schwein sein in dieser Welt, Schwein sein […]“. Beurteilen Sie König Leopold unter Bezugnahme auf dieses Zitat und seine Selbstdarstellung in obigem Tagebuchauszug.

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