Wozu nur ein Wort?

Willkommen, Surfer! Auf Nur ein Wort sammle ich deutsche Wörter und Worte, die mir begegnen, die ich schön und anregend finde, zu selten gehört habe oder die auszusterben drohen, Wörter, die klingen und Saiten zum Klingen bringen.
Was mir über den Weg läuft und bei dem ich denke "schönes Wort", das werde ich hier posten.Mitmachen ist möglich via Kommentieren, Sterne geben, Twittern, Teilen.

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Bis jetzt gesammelt: 74 Worte


Archenhold

Was machen eigentlich … Archenhold? Nichts Gutes ist zu vermuten, wenn man die gestrige Ankündigung im Abendblatt liest:

Archenhold ist der Name. Und was für einer: Mit ihrem Debütalbum „Wir haben Mittel und Wege“ eroberten Archenhold in den frühen Neunzigern weitgehend unbemerkt vom deutschen Publikum die Herzen japanischer Rockfans im Sturm. Zehn Jahre nach Nena stand erneut eine deutschsprachige Band in den Nippon-Charts ganz oben: Der brettharte Deutschrap des Ostrostockers Kevin „Kevlar“ Wewel, unterstützt von der damals 18-jährigen Gitarristin Flo Pesslin und dem Berliner Schlagzeuger Monti Dö kam überraschend gut an bei den einheimischen Asiaten und Asiatinnen – trotz der teils umstrittenen Texte. Doch während Archenhold auf den Inseln gigantische Erfolge verbuchen konnten, wurden sie in Deutschland mit ihrem bahnbrechend modernen Progressive Crossrock, der spätere Bands wie H-Blocks oder Guano Apes maßgeblich beeinflusste, kaum wahrgenommen.
Wer die drei live sehen will: Heute Abend im Über und Unter stellen sie ihr aktuelles Album „Bleib stehen, Japaner!“ vor. (20.00 Uhr, Abendkasse 35€)

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kühn

Frau Kühn hatte kurzgeschorene Haare,
war meine Sportlehrerin und mitleidlos.
Wieland, der Schmied, hatte langgewachsene Zotteln,
war mein Held und kühn.
Kühn bedeutete für mich mutig zu sein
und mein Schwert zu ziehen.
Kühn bedeutete für Frau Kühn
der Felgaufschwung. So sagte sie.
Um uns Angst zu machen.
Ich konnte das nicht,
und auch Wieland der Schmied
half mir da nicht,
denn ich war zwölf, wie immer,
und nicht so. Die Mädchen
von Ihren doofen Bodenmatten
schauten zu uns Jungen herüber.
Frau Kühn pfiff sie zusammen. Weitermachen
nicht glotzen ihr.

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gleißnerisch

Das Wiewort „gleißnerisch“ wurde von mir heute samt Erklärung einfach geschossen, mit ruhiger Hand und dem Fotoapparat, wie Freiwild genau im rechten Augenblick von einer der vielzähligen ungenannten Webseiten im Halbdunkel des Dschungels – abfotografiert. Ein fetter Bock!

 

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Kamarilla

Auszug aus dem Tagebuch von Leopold III: “ […] ein steter Strom von Bittstellern schob sich mittlerweile tagtäglich durch den Palast. Gesandte, Fabrikanten und Schranzen wünschten von mir empfangen zu werden oder liefen mir wie zufällig im Schlosspark über den Weg. Selbsternannte Berater überreichten mir en passant Empfehlungsschreiben von z.B. Goethe (natürlich gefälscht) oder meinten, mich forsch in philosophische Diskurse verwickeln zu müssen. Des Nächtens standen dann und wann wenig bekleidete Bauerntöchter überraschend in meinem Schlafgemach, nach außen hin demütig und scheu. Weiterlesen

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turbulent

Man stelle sich einen orientalischen Markt vor, 1899, vielleicht in Khafar oder Djamal, es ist voll, es ist heiß, es ist laut, Lebensmittel aller Couleur liegen aus. Menschen rempeln dich an, drücken dich an den Stand mit den Datteln und den Schälchen mit Safran, den Vanillestangen aus Reunion auf Dschunken und Kamelen hertransportiert, und plötzlich zieht jemand dir die Geldbörse weg. Ein Junge rennt davon in der Menge, du schreist und versuchst hinterherzukommen, aber erfolglos, du bleibst stecken in den Menschen und Stimmen, eine Frau spricht dich an, natürlich, sie hat keine Zähne im Mund, hält dir aber Äpfel hin. Du benutzt deine Arme, um den dir Weg zu bahnen, jemand pufft dich in die Seite, und soviel Geschrei und Lärm und Papageien, die dich auslachen.

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wohlfeil

Okay, das sagt heute wirklich keiner mehr – schade, bezeichnet es doch Produkte, die im sogenannten Sonderangebot (brrr: „Angebot“) sind, auf unaufgeregtere Art und Weise. Das Ding erhält eine zusätzliche Eigenschaft, es wird nicht gleich zu einem Objekt der Wohlfeilheit nominalisiert. Ja, die Würde des wohlfeilen Apfels ist nicht zu vergleichen mit dem traurigen Apfel im Angebot. Und wohlfeile Äpfel wären wohl auch nicht zu „feilen Äpfeln“ geworden. Denn damals hatte man ja noch Zeit. Dazu wäre es nie gekommen.

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niederträchtig

Niederträchtig – untere Schublade von Handlungen, die aufgrund der Art ihrer Durchführung und Ihres Zwecks verabscheuungswürdig sind. Das Gegenteil von Kants kategorischem Imperativ: die Verhaltensweise, von der niemand will, dass sie allgemeines Gesetz werde. Testen Sie sich: Was ist niederträchtiger? Alten Frauen anbieten, sie über die Straße zu begleiten, um ihnen dann Ihr Portemonnaie zu stehlen. Oder jungen Frauen anbieten, sie nach Hause zu begleiten, um ihnen dann ihre Jungfräulichkeit zu stehlen?
Aber ein schönes Wort.

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